SPD Neuruppin - mit Herz & Verstand für Stadt und Land

Offroad durchs Bombodrom

Unterbezirk

Bombodrom Begehung
(c) K. Kuhnke

Eine Reportage von Nicole Potthoff

Crossfahrer tun es. Schrott– und Pilzsammler tun es. Übereifrige Heideaktivisten tun es auch: Sie fahren, trampeln und latschen durch das bundesweit bekannte Bombodrom der Kyritz-Ruppiner Heide, Europas größtem entmilitarisiertem Bombenabwurfplatz. Den Tod verachtend, unter Einsatz ihres und fremder Leben erfreuen sie sich der „bleihaltigen“ Luft und der durch Kampfmittel aller Arten kontaminierten Landschaft. Kein Hinweisschild, keine Schränke hält diese Leute auf; die Freiheit dahinter muss für sie wohl grenzenlos sein. Siebzehn lange Jahre haben Tausende von Menschen unermüdlich für die zivile Nutzung des nahezu 13.000 Hektar großen Areals gekämpft. Nur missverstehen unsere „No-Risk-No-Fun“-Spezln die Bedeutung dieser Befreiung offenbar vollkommen.

Am Befreiungsakt der Heide war ich lediglich mental beteiligt. Ich stehe dazu, in bestimmten Lebenslagen ein Angsthase zu sein. Außerdem trenne ich für gewöhnlich meinen Müll und halte mich an die Hausordnung meines Vermieters. Pardon, aber die Vorstellung mit einem abgerissenen Bein oder von Splittern durchsiebt verblutend in einem herrlich violetten Heidebett zu liegen, weil ich die 1.000 und Letzte bin, die gegen einen maroden Zünder tritt, verursacht mir Übelkeit. Und trotzdem tue ich es auch: Ich fahre Offroad durchs Bombodrom!

Hintergrund:
Exakt 12.918,18 Hektar Kyritz-Ruppiner Heide befindet sich im Eigentum des Bundes. Ab dem 1. Oktober 2011 wird die BImA, die zivile Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die Verwaltung des ehemaligen Truppenübungsplatzes übernehmen. Der Wechsel von einer militärischen Nutzung in die Konversion ist damit – und hoffentlich endgültig - vollzogen. Jetzt gilt es, für dieses hochgradig mit Kampfmitteln verseuchte Gebiet Möglichkeiten für eine zivile Nachnutzung und die Bewahrung der dortigen biologischen Vielfalt zu finden.

Statt einer Schutzausrüstung und Blutkonserven nehme ich an einem sonnigen Nachmittag im August acht weitere treue Genossinnen und Genossen des Unterbezirks Ostprignitz-Ruppin mit. Zumindest „Sturmerprobt seit 1863“ nehmen wir an einer Begehung vor Ort teil, wie sie die die Truppenübungsplatzkommandantur Wittstock und die BImA seit Monaten gemeinsam durchführen. Johannes Oblaski (SPD), Gemeindevertreter aus Temnitzquell, hat dieses Treffen für uns organisiert.

Mit vier Geländefahrzeugen fahren wir mitten hinein in das Herz des Bombodroms. Die rote Zone ist mit etwa 2500 Hektar am stärksten mit Kampfmitteln, Schrott und sonstigen Hinterlassenschaften der Sowjetarmee belastet. Unter sachkundiger Führung von Oberstleutnant Thomas Hering und Rainer Entrup, Betriebsbereichsleiter Nord der Bundesforst, die zur BImA gehört, erfahren wir eine Menge über verschiedene Bomben- und Munitionsarten, deren Sprengkräfte, aber auch über die Artenvielfalt dieser schaurig schönen Landschaft. An verschiedenen Haltepunkten in der weißen, blauen bzw. der roten Zone erklärt Thomas Hering unermüdlich, in welcher Gefahrenlage wir uns gerade befinden. Clusterminen zum Beispiel sind kleine, handliche Streubomben. Sie enthalten etwa 5.000 Metallkugeln, die alles durchsieben, was sich in ihrem Wirkungsradius bei einer Sprengung befindet. „Die Metallteile größerer Bomben eitern besonders schlecht raus, wenn man eine Verletzung durch so eine Munition überhaupt überlebt“, erläutert der Oberstleutnant, ein erfahrener Kampfmittelfachmann. Übertreibung? Ausprobieren möchte ich es jedenfalls nicht. Das Problem mit der Clustermine: Sie sieht aus wie ein etwa faustgroßer, grauer Kieselstein und wirkt damit völlig unscheinbar, wenn sie auf Schotter oder in der Heide liegt. „Panzerkartuschen werden von Wanderern gerne auch mal als Aschenbecher mitgenommen“, so Hering an einer anderen Stelle, „Gefährlich wird es, wenn sich darin selbst noch wenige Milligramm Sprengstoff befinden, was für den Laien absolut nicht erkennbar ist.“ Natürlich lässt bei so einer Vorlage der Spruch auf die anschließende „Bombenstimmung im Partykeller“ nicht lange auf sich warten. Der Galgenhumor hilft, mit den mulmigen Gefühlen in Anbetracht der unvorstellbaren Mengen und dem enormen Tötungspotenzial der Munitionsmittel umzugehen.

Auf die Frage, wie lange die Kampfmittel im Gebiet der Kyritz-Ruppiner Heide ihre Sprengkraft behalten werden, antwortet der Berufssoldat: „Grob gerechnet 200 Jahre.“
Und eine Beräumung? „An einer Oberflächenberäumung, das heißt bis zu einer Tiefe von 20 Zentimetern, arbeiten fünfzehn Kampfmittelberäumer vierzehn Tage lang, damit anschließend 2.000 Quadratmetern freigegeben werden können.“ Das macht bei einer Gesamtfläche von 13.000 Hektar, geschätzten 1,5 Millionen Blindgängern und einem Stundensatz von …
Nein, an dieser Stelle enden meine Überlegungen zur vollständigen Befreiung der Heide von Bomben, Granaten, Minen & Co. Von den unzähligen Bomben, die bis zu 6,50 Metern tief im Erdreich liegen, den mit Flüssigsprengstoff gefüllten Schmetterlingsminen und den wie getrockneter Fensterkitt aussehenden TNT-Brocken einmal ganz abgesehen, halte ich mich lieber an Thomas von Aquin (1224 – 1274): „Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken und Sein.“

Doch wie hält man den Urtrieb der modernen „Jäger und Sammler“ im Zaum? Deren Verhalten bereitet, wie Rainer Entrup sehr deutlich macht, der BImA große Sorgen und nach seinen Ausführungen mir auch. Nicht nur Raucher leben in dieser Heide brandgefährlich.
Ein Wortspiel muss her, damit aus „Zaum“ im Nullkommanix ein „Zaun“ wird. Dieser wäre dann schlappe 93 Kilometer lang und ist, laut Entrup, selbst in wesentlich kleineren Gebieten nicht dichtzuhalten. Bleibt also einzig der Appell an die Vernunft mittels Aufklärung durch Broschüren, Warnschilder und Multiplikatoren. „Ich muss sagen, nach diesem Besuch habe ich einen Heidenrespekt davor, einen Fuß in das Gebiet zu setzen“, stellt Paul Schulz, Vorsitzender der Jusos im Kreis, abschließend für uns alle fest. Schließlich gibt es in unserer Region weitaus schönere und vor allem ungefährliche Landschaften zu erkunden, wie ich finde. Außerdem sollte, was für Goethes Faust galt, an dieser Stelle Mutter Natur zugestanden werden: „Hier bin ich Natur, hier darf ich’s sein!“
9.350 Hektar des Bombodroms sind bereits FFH-Fläche (Fauna-Flora-Habitat-Fläche).

Wem das zu wenig Zivilisation für eine „Freie Heide“ ist, der findet vielleicht Trost in den etwa 400 Hektar, die für erneuerbare Energien wie Photovoltaik- oder Windkraftanlagen genutzt werden könnten, sofern sich Investoren finden. Die BImA arbeitet jedenfalls in Zusammenarbeit mit dem Land Brandenburg und den betreffenden Kreisen an einem Nutzungskonzept, das Ökologie mit Ökonomie zum Wohle aller vereinen soll. Hoffen wir dabei auf möglichst wenige Blindgänger.

(c) Nicole Potthoff

 
 

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